Alles ist besser als die Straße

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Alles ist besser als die Straße

Husum – Frank T. (Name geändert) ist 34 Jahre alt. Für den Besuch hat er „seine“ Wohnung blankgeputzt. Aber genau da fängt das Problem an, beziehungsweise hier wird es deutlich: Was er zeigt, ist nicht seine Wohnung. Es ist lediglich eine Behelfsunterkunft, ein Unterschlupf für den Winter, ein „Erfrierungsschutz“. Hier kann er bleiben bis zum 1. März, dann muss er weiterziehen. Eventuell kommen noch zwei andere Männer hinzu, dann wird es eng auf den knapp 40 Quadratmetern. Und trotzdem: Frank ist dankbar für die Möglichkeit, im Winternotprogramm des Diakonischen Werks Unterschlupf zu finden.

Winternothilfe schützt vor dem Erfrieren
Gekommen sind Adelheit Marcinczyk, sie leitet den Geschäftsbereich Arbeit und Soziales im Diakonischen Werk Husum (DW) des Kirchenkreises Nordfriesland und Kathrin Kläschen von der Wohnungslosenhilfe im Diakonischen Werk Schleswig-Holstein, die das Programm mit Landesmitteln unterstützt. Sie feiern ein bisschen Einzug mit Kaffee und Kuchen, gucken, ob noch was gebraucht wird. Erk Paulsen von der Bahnhofsmission begleitet sie, er kennt Frank T. schon vom Vorjahr. Diese drei haben sich dafür eingesetzt, dass für die Winternothilfe eine Wohnung bereitgestellt werden kann: Das DW mietet sie für diese Monate von der Stadt, und sie sind froh, dass es geklappt hat. Das Leben auf der Straße ist hart, besonders im Winter.

Die Scham geht mit
„Du kommst da draußen eigentlich nie zur Ruhe“, sagt Frank T. Es gehen Menschen vorbei, die gucken, und Frank schämt sich dann. Oft wird er auch weggescheucht, für Obdachlose hat diese Gesellschaft nun mal keinen Platz. Seit fast zehn Jahren geht das jetzt so. Dabei macht er sich und seinen Gästen nichts vor: „Ich hab mit Ach und Krach die Hauptschule geschafft, die Lehre geschmissen, Drogen genommen und irgendwann bist du dann da wo du bist.“ Zehn lange Jahre, heute hier, morgen dort. Er hat sich dran gewöhnt, kann es kaum mehr anders denken. „Die Bahnhofsmission müsste eine 1 kriegen“, sagt er. Erk Paulsen ist ein guter Ansprechpartner, die Mitarbeitenden sind freundlich, da kann er mal duschen und Zähne putzen – so Kleinigkeiten sind schwierig auf der Straße. Und vieles andere auch.

Nicht-Sesshafte fallen durch die Maschen des sozialen Netzes
„Das Programm ist für die nicht-sesshaften Wohnungslosen ausgelegt“, erklärt Erk Paulsen. In Husum Gemeldete, die ihre Wohnung aus welchen Gründen auch immer verlieren, werden vom Ordnungsamt der Stadt untergebracht – für die Nicht-Sesshaften ist dieses nicht zuständig. Sie haben keine Chance, eine reguläre Wohnung zu bekommen. Und ihnen droht tatsächlich der Erfrierungstod, wenn ihnen niemand hilft. „Diese drei Monate sind auch eine Chance“, sagt Paulsen. „Ich kann dann kontinuierlich Unterstützung anbieten, und wir können gemeinsam nach Lösungen suchen.“

Schuld und Schulden – ein elender Kreislauf
Und Unterstützung braucht Frank. Er weiß es selber. In den kommenden Wochen muss er 180 Sozialstunden leisten, das ist seine letzte Chance. Wenn er das nicht schafft, muss er ins Gefängnis. Er hat keinen geregelten Tagesablauf, kommt oft erst um vier Uhr morgens ins Bett, und dann hört er natürlich den Wecker nicht. Er will es so gerne schaffen, traut es sich aber selbst kaum zu. „Schuldenfrei zu sein, das wäre wunderbar“, sagt er. „Aber dafür muss man auch was leisten.“

Selbstvertrauen wäre ein guter Anfang
Frank T. weiß eigentlich, wie das geht. Er ist gepflegt, er gibt sich Mühe. Und mit der blankgeputzten Wohnung zeigt er sich und seinem Besuch, dass er etwas kann. Aber er weiß auch, dass ihm Stetigkeit fehlt und Beharrlichkeit. Zu schnell kippt der gute Wille, und der Kreislauf von Schuld und Versagen beginnt erneut. Er glaubt nicht mehr an sich selber.
Aber die Mitarbeitenden des DW glauben an ihn, sie geben niemanden verloren. Erk Paulsen wird Kontakt halten, vielleicht gelingt es ja, Frank T. von der Straße zu holen. Eine eigene Wohnung wäre ein guter Anfang, und Paulsen wird tun, was er kann, um Frank zu unterstützen. Der muss es allerdings selber wollen und letztlich auch selber vollbringen. Nur dann kann er wieder das Vertrauen in sich gewinnen, das ihm im Laufe der Jahre abhanden gekommen ist.

Wenigstens ein Rückzugsort
Fürs Erste ist die Erfrierungsgefahr abgewendet. Das ist das wichtigste. Frank hat einen eigenen Schlüssel zur Wohnung. Er hat einen Rückzugsort, ein Zuhause auf Zeit. Das ist viel. „Da draußen ist noch eine wie ich, kennt ihr sie?“, sagt er und zeigt noch einmal, dass er ein fürsorglicher, ein mitdenkender Mensch ist. Er möchte, dass auch anderen geholfen wird. Und wenn noch Weitere in „seine“ Wohnung hinzuziehen, ist das für ihn in Ordnung.

Bei Erfrierungsgefahr: 110 anrufen!
„Uns ist wichtig, dass mehr Menschen aufmerksam für die Situation der Wohnungslosen sind“, sagt Adelheit Marcinczyk. „Wenn Sie jemanden sehen, der zu erfrieren droht, rufen Sie den Notruf über 112 oder 110, dann kann ihm oder ihr geholfen werden.“ Zunehmend sind auch Frauen betroffen, viele von ihnen Rentnerinnen. Das Thema wird größer, merkt sie. Es fehle brisant an Wohnraum, sagen die drei Fachleute von der Diakonie. Eine Wohnung ist aber Voraussetzung dafür, dass Menschen ihr Leben wieder in den Griff bekommen können, wenn sie es wollen.

Erstmal den Winter überstehen
„Ich bin erstmal froh, dass ich ein Bett und einen Schlafplatz habe“, sagt Frank T. Die Jahre auf der Straße haben ihn bescheiden gemacht und dankbar für jede Untersützung. Jetzt muss er erst einmal den Winter überstehen und seine Sozialstunden ableisten. Und Selbstvertrauen gewinnen. Vielleicht ist das die wichtigste und die schwerste Aufgabe.
Foto: pixabay.de
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Schlafsäcke, Isomatten, Regenkleidung oder ein paar feste Winterstiefel – dafür ist sind die 500 Euro bestimmt, die Bernd Hannemann von der Diakonie-Stiftung Schleswig-Holstein dem Diakonischen Werk (DW) Husum für seine Arbeit mit Wohnungslosen überreichte. Erk Paulsen, Leiter der Bahnhofsmission, bedankte sich für die Unterstützung für die Winterbedarfshilfe des DW. Mit dem Geld kann er unbürokratisch denen helfen, die trotz Minusgraden „Platte machen“. Es ist eine ergänzende Hilfe zum Winternotprogramm, das für Wohnungslose von Dezember bis Januar ein Dach über dem Kopf bereitstellt.

Spendenkonto:
Diakonisches Werk Husum
IBAN: DE40 5206 0410 0006 4121 49
BIC: GENODEF1EK1
Verwendungszweck: KST 9300 – Wohnungslosenhilfe

V. l.: Volker Schümann, Geschäftsführer DW, Bernd Hannemann, Diakoniestiftung SH, Adelheit Marcinczyk, DW Husum, Kathrin Kläschen, DW SH und Erk Paulsen, Bahnhofsmission.